Meldung 19. März 2025

Anders als viele andere Wirtschaftszweige wächst die Pharmabranche stark. Warum – und welche politischen Schritte sie sich wünscht, erläutert die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Pharma Deutschland, Dorothee Brakmann. Die PKV setze wichtige Impulse für den medizinisch-technischen Fortschritt.

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Frau Brakmann, Deutschland steckt in der Rezession – die Pharmabranche hingegen wächst. Unternehmen investieren, die Mitarbeitendenzahlen steigen. Was ist Ihr Geheimnis?

Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass wir Schlüsselbranche geworden sind – gerade, weil die eine oder andere Branche wegbricht im Moment. Wir haben über 132.000 Jobs in Deutschland, wir haben ein Wirtschaftswachstum, wir sind wirklich Jobmotor. Das Geheimnis unserer Branche ist, glaube ich, vielfältig. Was uns auf jeden Fall Auftrieb gegeben hat, ist, dass die ehemalige Bundesregierung erkannt hat, dass wir eine Schlüsselbranche sind und eine Pharmastrategie ins Leben gerufen hat. Dazu gehörte das eine oder andere Gesetz, unter anderem das Medizinforschungsgesetz, dass wieder Forschung gefördert wird. Wir waren ja mal die Apotheke der Welt. Wir waren mal auf Platz eins, was Forschung und Entwicklung angeht. Das ist leider sehr abgefallen. Das hat die Regierung erkannt und versucht jetzt auch, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass wieder geforscht werden kann in Deutschland.

Die Pharmabranche ist hochinnovativ – aber wir sichern auch die Basisversorgung.

Dorothee Brakmann , Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Pharma Deutschland

Worin liegen die Stärken der Pharmabranche?

Die Stärke der Pharmabranche ist tatsächlich, dass wir hochinnovativ sind. Aber wir sichern auch die Basisversorgung. Das hat man auch in Corona gesehen, selbst in der Pandemie, in der Krise sorgen wir dafür, dass 100 Prozent der Bevölkerung versorgt werden. Wir sind ein verlässlicher Partner. Aber wir brauchen natürlich auch die Rahmenbedingungen, dass wir das weiter sein können.

Welche Voraussetzungen sind konkret nötig? Was brauchen die Unternehmen?

Drei Dinge brauchen die Unternehmen: Zum einen, dass wir die Produktion halten, die wir hier haben. Wir reden ja immer davon, dass wir Produktion zurückholen, zum Beispiel die Antibiotika. Das ist wahnsinnig schwer, wenn Sie die Produktion einmal aus Deutschland rausgedrängt haben. Der Kostendruck ist so hoch, dass Sie die Produktion nicht mehr zurückkriegen. Also, Fazit: Wir müssen das halten, was wir hier haben. Dann gilt es natürlich auch, wieder aufzubauen. Dafür müssen wir Anreize schaffen. Wir müssen auch gucken, dass wir Wirkstoffe, Rohstoffe etc. wieder vorwiegend nach Europa zurückbekommen. Das ist nur bedingt möglich. Und wir müssen vor allen Dingen gucken, dass wir diversifizierte Lieferketten haben. Wir dürfen nicht nur Indien, China, Asien als Lieferanten für Wirkstoffe und Rohstoffe haben. Wir müssen rund um den Globus herum deutlich mehr Quellen haben. Und, was wirklich wichtig ist, wir müssen auch Forschung und Entwicklung wieder hierherholen. Denn wenn Sie hier forschen, wenn Sie hier entwickeln, dann produzieren Sie hier auch. Das ist ganz eng miteinander verdrahtet. Das vergisst man unheimlich oft.

Wenn man in Deutschland forscht und entwickelt, dann will man hier auch auf den Markt kommen.

Dorothee Brakmann , Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Pharma Deutschland

Einige Unternehmen investieren gezielt in Forschung und Entwicklung in Deutschland. Was bietet ihnen der Standort?

Wir haben eine tolle Grundlagenforschung in Deutschland. Wir haben auch eine wirklich gute Logistik. Und wenn wir einmal die Genehmigungsprozesse, also diese Bürokratie, geschafft haben, dann sind wir extrem schnell in der Forschung. Wenn man aber hier forscht und entwickelt, dann will man hier auch auf den Markt kommen. Und da hapert es noch. Uns fehlen die Rahmenbedingungen, um unsere zu vermarkten. Ein Beispiel: Wenn Sie hochmoderne Gentherapien oder CAR-T-Zellen erforschen und entwickeln möchten, das ist etwas ganz Modernes im Einsatz gegen den Krebs, dann müssen Sie eine bestimmte Logistik aufbauen. Sie brauchen riesige Kühltanks, Sie brauchen Blutabnahmezentren, dann investieren Sie hier richtig. Das machen Sie aber natürlich nur, wenn Sie die Patienten nachher weiter versorgen können.

Durch das zweigliedrige deutsche Gesundheitssystem aus GKV und PKV gibt es unterschiedliche Erstattungsprozesse. Studien zeigen, dass Privatversicherten viel häufiger innovative, also patentgeschützte Arzneimittel verschrieben werden. Was bedeutet das für den medizinisch-technischen Fortschritt in Deutschland?

Die Private Krankenversicherung ist sehr wichtig für die Aufnahme, also für die Adaption von innovativen Arzneimitteln in den Markt. Man könnte sagen, die Private Krankenversicherung ist Early Adopter für patentgeschützte Arzneimittel. Es ist unheimlich wichtig, dass hier Erfahrungen im Markt gemacht werden, Erfahrungen bei der Ärzteschaft gemacht werden. Für die Pharmaindustrie ist es sehr wichtig, dass diese Arzneimittel im Markt ankommen. Sie werden dann irgendwann natürlich auch von der GKV übernommen. Sie sind ja auch von Anfang an erstattungs- und verordnungsfähig. Aber der Uptake, wie man so schön in Denglisch sagt, der ist deutlich langsamer.

Welchen Beitrag leistet die Private Krankenversicherung für die Finanzierung unseres Gesundheitswesens insgesamt?

Ich glaube, die Private Krankenversicherung gibt einen guten Impuls in der Finanzierung. Denn sie ist ja nicht nur Early Adopter bei den Arzneimitteln, sondern grundsätzlich auch bei Technologien. Die Honorare in der Privaten Krankenversicherung sind deutlich höher, so dass die Ärzteschaft oder die Krankenhäuser die Möglichkeit haben, mehr zu investieren: in Technologie, aber, was ich auch ganz wichtig finde, zum Beispiel in strukturschwachen Regionen. Das ist ja gerade eine Frage, der wir uns stellen müssen in Deutschland – was machen wir mit diesen Regionen? Da ist die PKV wahnsinnig wichtig, um ein solides Standbein für die Gesundheitsversorgung zu sein. Kritiker sagen, dass die PKV auf der guten Infrastruktur der GKV aufsetzt. Ich persönlich glaube, dass die beiden Sektoren eng zusammengehören, dass der eine ohne den anderen im Moment auf jeden Fall nicht kann.


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Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft über Herausforderungen und Lösungen für das Gesundheitssystem

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